Samstag, 2. Juli 2011







zum Inhalt:
An einem heißen Sommertag im Jahre 1979 geht der neunjährige suleiman mit seiner Mutter auf dem Markt in Tripolis, der Hauptstadt Libyens, einkaufen. Das machen die beiden oft, wenn der Vater auf Geschäftsreise ist und die Mutter nachts "krank" war. In diesen Nächten trinkt sie viel von ihrer klaren "Medizin" und erzählt Suleiman, wie sie als 14-jähriges Mädchen auf Beschluss des "Hohen Rates", des erlauchten Kreises ihrer männlichen Verwandten, an den wesentlich älteren Mann, der sein Vater wurde, verheiratet worden ist. Auf dem Marktplatz sieht Suleiman plötzlich seinen Vater, obwohl der angeblich im Ausland weilt. Ein Nachbar, der Vater seines besten Freundes, wird von fremden Männern abgeholt. Es heißt, er sei ein Verräter. Suleimans Mutter verbrennt im garten die geliebten Bücher ihres Mannes... Suleimans Welt gerät zusehends aus den Fugen, während sich das Netz des Sicherheitsapparates von Revolutionsführer Gaddafi immer enger um seine Familie zusammenzieht.
(Quelle: Klappentext)

Das Buch ist recht aktuell in Bezug auf den Bürgerkrieg in Libyen und Gaddafis Terrorregime, das über viele lange Jahre im Stande war seine Bevölkerung zu unterdrücken und in Angst und Schrecken zu versetzen, allzeit gut Freund mit den gierigen, europäischen Gewinnmaximierern, denen kein Deal zu schmutzig war. Jetzt hat er sich‘s dann aber doch verscherzt mit seinen westlichen Freunden, weil öffentlich auf die Bevölkerung schießen ist dann wieder was anderes, als heimlich, so dass es die ganze Welt nicht bekommt. Vielleicht auch daher dieser bittere Beigeschmack wenn sich Europäer nun von Gaddafi abkehren, als hätten sich seine Wesenzüge plötzlich und unerwartet in den letzten 6 Monaten geändert... Nein, Gaddafi war schon immer so!
Erst als ich das Buch gelesen hatte, fiel mir auf, dass ich ja auch nichts anderes kennen würde, wäre ich dort aufgewachsen. Eine unvorstellbar lange Zeit konnte sich der Diktator Gaddafi, auch dank Europas und der USA, an der Macht halten. In den nun knapp 32 Jahren seit 1979 hat sich daran eigentlich nichts geändert, es bleibt die Hoffnung, dass dem Terrorregime nun ein Ende gesetzt wird und die Bevölkerung Libyens endlich Freiheit erfährt... doch zurück zum Buch:

Die ganze Geschichte wird aus der Sicht des neunjährigen Suleiman erzählt. Vieles das er nicht begreift, versteht Matar wunderbar auszudrücken und weckt dadurch die Freude an der kindlichen Unschuld, dem "Nichts-Wissen" und dem "Nichts-Verstehen" und der damit verbundenen Kreativität des eigenen "Verstehen-Machens". Dies birgt allerdings die Gefahr, dass Suleiman auch nicht genau weiß, was er wem sagen kann/darf/soll und was nicht, was ihn zu einer entscheidenden Schlüsselfigur bei der Verfolgung seines Vaters, des Nachbarn und anderer involvierter Personen macht. Wie auch in Abbas Khiders „Die Orangen des Präsidenten“ sind es die Geschichten die neben der eigentlichen Hauptstory erzählt werden, die einen dann auch wieder zum Schmunzeln bringen. Auch die „Krankheit“ der Mutter, die nur durch die „Medizin“ kurzfristig geheilt werden kann lockert, trotz aller dahinterliegender Tragik, die Erzählung unheimlich auf.
Ein sehr kurzweiliges Buch, das man am liebsten in einem Auslesen möchte. Ein weiterer Einblick in eine Welt die gezeichnet ist von Unterdrückung und Anpassung, deren BewohnerInnen es aber trotzdem verstehen sich so etwas wie ein normales Leben in Mitten dieser Oppression zu gestalten. Viel mehr sollte in diese Richtung geschrieben und vor allem in Europa gelesen werden, fernab vom Mainstream-Boulevard kann man durch solche Werke die Menschen verstehen und ihre Handlungen anders auffassen, als sie in verkürzten Darstellungen über die arabische Welt und den Islam oft gezeigt und interpretiert werden.

zum Autor:
Hisham Matar wurde 1970 in New York City geboren; seine Eltern stammen aus Libyen. Er wuchs in Tripolis und, nach der Emigration der Familie, in Kairo auf. Seit 1986 lebt Hisham Matar in London. Hisham Matars Debüt "Im Land der Männer", das in 22 Sprachen übersetzt ist, wurde für die Shortlist des Man Booker Prize 2006 und des The Guardian First Book Award nominiert. 2007 wurde Hisham Matar ausgezeichnet mit dem Royal Society of Literature Ondaatje Prize, dem Commonwealth Writers' Prize, dem Premio Vallombrosa Gregor von Rezzori, dem Premio Internazionale Flaiano und dem Arab American Book Award.
(Quelle: Klappentext)